Deutsche Bücher
ADHS und Autismus im Alltag
Erprobte Strategien für Morgenroutine, Gefühlsstürme, Schule und Reizüberflutung – für Eltern, Lehrkräfte, Fachkräfte und Erwachsene im Spektrum
Format broché
19,99 €
Format Kindle
8,99 €
Présentation
Warum verhakt sich derselbe Morgen jeden Tag an derselben Stelle? Wer ein Kind mit ADHS oder Autismus begleitet, kennt die Situationen, die sich Woche für Woche wiederholen: das Aufstehen, die Mahlzeiten, die Hausaufgaben, das Einschlafen, die Reizüberflutung im Supermarkt, der Streit über eine Kleinigkeit, die keine war. Dieses Buch ist nach diesen Situationen geordnet und nicht nach Diagnosen — weil im Alltag die Situation genauer beschreibt, wo es klemmt, als es jede Einordnung könnte. Es zeigt, was im Hintergrund abläuft: die Verarbeitung von Reizen, die ungleiche Belastbarkeit der exekutiven Funktionen, das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit. Und es zeigt, an welchen Stellen sich die Bedingungen tatsächlich verändern lassen. Der Weg führt vom Morgen über Gefühle und soziale Begegnungen, über Wohnraum, Schule und Freizeit bis zum Übergang ins Erwachsenenleben, mit den rechtlichen Wegen des deutschsprachigen Raums. Ein eigener Teil gilt denen, die begleiten: Ihre Belastbarkeit entscheidet mit, wie viel möglich ist. Für Eltern, Lehrkräfte, Fachkräfte und neurodivergente Erwachsene, die im Alltag nach Ansatzpunkten suchen statt nach Erklärungen.Sommaire
Einleitung
Der Alltag und seine Routinen
Gut in den Tag starten
Mahlzeiten ohne Machtkampf
Hausaufgaben und Lernen, das funktioniert
Zur Ruhe kommen: Wege zu einem erholsamen Schlaf
Gefühle und soziales Miteinander
Starke Gefühle begleiten
Sich in der sozialen Welt bewegen
Neue Situationen bewältigen
Stärken und Talente entdecken und fördern
Umgebungen, die tragen
Zuhause: ein Wohnraum, der funktioniert
In der Schule ankommen
Freizeit und Aktivitäten, die bereichern
Übergänge ins Erwachsenenalter
Begleiten und kommunizieren
Herausforderndes Verhalten verstehen
Wirksam kommunizieren
Zusammenarbeit mit Fachkräften
Für sich selbst sorgen: Entlastung für Begleitende
Extrait
Der Wecker klingelt. Zwanzig Minuten später sitzt ein Kind noch immer in derselben Haltung auf der Bettkante, die Socken in der Hand, und rührt sich nicht. Um sieben Uhr fünfzig eskaliert der Streit über ein Frühstück, das niemand anrühren will. Um Viertel nach vier beginnt die Hausaufgabenzeit, und mit ihr die tägliche Auseinandersetzung. Um halb elf abends liegt derselbe Mensch hellwach im Bett, erschöpft und trotzdem wach. Das sind die Situationen, in denen sich Neurodivergenz im Alltag zeigt. Nicht in diagnostischen Kriterien, nicht in Testprofilen, sondern in einer Handvoll wiederkehrender Momente, die sich Tag für Tag an derselben Stelle verhaken. Genau dort setzen wirksame Veränderungen an. Situationen statt Diagnosen Wer nach Antworten sucht, findet die meisten Informationen nach Störungsbildern geordnet: hier ADHS, dort Autismus, daneben Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxie. Diese Ordnung hat ihren Sinn für die Diagnostik. Für den Alltag greift sie zu kurz, und zwar aus drei Gründen. Erstens überschneiden sich die Profile erheblich. Ein großer Teil der autistischen Kinder erfüllt zusätzlich die Kriterien für ADHS; umgekehrt zeigen viele Menschen mit ADHS autistische Merkmale. Teilleistungsstörungen treten in beiden Gruppen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Viele Menschen bewegen sich in Grauzonen, die keiner Kategorie sauber zuzuordnen sind, und viele warten Monate oder Jahre auf eine Abklärung, während der Alltag weiterläuft. Zweitens greifen dieselben Anpassungen bei unterschiedlichen Diagnosen. Ein visueller Ablaufplan entlastet ein autistisches Kind, einen Jugendlichen mit ADHS und eine erwachsene Person mit Dyspraxie – aus jeweils unterschiedlichen Gründen, aber mit vergleichbarer Wirkung. Eine gedämpfte Lichtquelle am Morgen, ein Kopfhörer mit Geräuschreduzierung, ein Timer, der Zeit sichtbar macht: solche Hilfen sind nicht an ein Störungsbild gebunden, sondern an ein Bedürfnis. Drittens beschreibt die Situation das Problem präziser als die Diagnose. „Übergänge zwischen Aktivitäten fallen schwer“ ist eine Aussage, mit der sich arbeiten lässt. Sie sagt, wann es klemmt, woran es liegt und wo eine Veränderung ansetzen kann. Die Diagnose sagt das nicht. Deshalb ordnet sich der Blick in diesem Buch nach dem Tagesverlauf und den Lebensbereichen: Morgen, Mahlzeiten, Lernen, Schlaf; Gefühle und soziale Begegnungen; Wohnraum, Schule, Freizeit, Übergang ins Erwachsenenalter; Verhalten, Kommunikation, Zusammenarbeit, Selbstfürsorge der Begleitenden. Drei Mechanismen, die immer wieder auftauchen Hinter den meisten Alltagshürden stehen drei neurobiologische Besonderheiten. Sie kehren in jedem Kapitel wieder, weshalb es sich lohnt, sie einmal im Zusammenhang zu betrachten. Die Reizverarbeitung arbeitet anders. Das neurotypische Gehirn filtert unaufhörlich: Es sortiert Hintergrundgeräusche aus, blendet den Druck der Kleidung auf der Haut aus, ignoriert das Flackern einer Leuchtstoffröhre. Bei vielen neurodivergenten Menschen greift dieser Filter schwächer oder unregelmäßiger. Reize kommen ungefiltert an, addieren sich und binden Kapazität, die dann für anderes fehlt. Was von außen wie Überempfindlichkeit aussieht, ist eine Frage der Verarbeitung, nicht der Willenskraft. Und sie kann in beide Richtungen gehen: Manche Menschen suchen intensive Reize geradezu, weil ihr System zu wenig Rückmeldung erhält. Die exekutiven Funktionen sind ungleichmäßig belastbar. Unter diesem Begriff fasst die Neuropsychologie jene Steuerungsleistungen zusammen, mit denen wir Handlungen beginnen, ordnen, priorisieren, im Arbeitsgedächtnis halten und gegen Ablenkung abschirmen. Sie entscheiden darüber, ob aus dem Vorsatz „jetzt aufstehen“ auch eine Bewegung wird. Bei ADHS sind vor allem Handlungsinitiierung, Impulskontrolle und Zeitgefühl betroffen, bei Autismus häufiger der Wechsel zwischen Aufgaben und das gleichzeitige Verarbeiten mehrerer Informationsquellen, bei Teilleistungsstörungen die Automatisierung einzelner Teilschritte. Das Ergebnis sieht von außen ähnlich aus: Es geht nicht los, oder es geht nicht weiter. Vorhersehbarkeit wirkt entlastend. Ein Ablauf, der bekannt ist, verbraucht kaum Steuerungsleistung. Ein Ablauf, der jeden Tag neu erschlossen werden muss, verbraucht viel. Deshalb sind Routinen für neurodivergente Menschen kein Ordnungsideal, sondern eine Entlastungstechnik. Und deshalb kosten unangekündigte Änderungen so viel: Sie ziehen die Grundlage weg, auf der der Rest des Tages aufgebaut war. Diese drei Mechanismen erklären, warum die wirksamsten Veränderungen selten bei der Person ansetzen, sondern bei der Situation. Wer ein Zimmer abdunkelt, einen Ablauf sichtbar macht oder eine Aufgabe in kleinere Schritte zerlegt, verändert die Anforderung – und schafft damit Kapazität, die vorher im Aushalten gebunden war. Herausforderungen und Stärken im gleichen Blick Die Schwierigkeiten sind real. Desorganisation, Reizüberflutung, Erschöpfung nach sozialen Situationen, Schwierigkeiten beim Beginnen und Beenden von Tätigkeiten: das alles kostet Kraft, jeden Tag, bei den betroffenen Menschen und bei denen, die sie begleiten. Gleichzeitig gehört zu jedem dieser Profile ein Repertoire an Fähigkeiten, das im Alltag tragfähig ist: detailgenaues Wahrnehmen, außergewöhnliches Gedächtnis für Sachzusammenhänge, ausgeprägte Hyperfokusphasen, Mustererkennung, Direktheit, originelle Lösungswege, große Verlässlichkeit in Bereichen von echtem Interesse. Diese Fähigkeiten sind keine Trostpflaster.


