Deutsche Bücher
130 Kunsttherapie-Übungen
Befreien Sie Ihre Gefühle mit kreativen Werkzeugen
Format broché
16,50 €
Présentation
Was geschieht, wenn Gefühle keine Worte finden? Manche Empfindungen entstehen an einem Ort im Inneren, den die Sprache erst spät erreicht, und jeder Versuch, sie zu benennen, geht daneben. Die Kunsttherapie öffnet einen anderen Zugang: eine Linie, eine Farbfläche, ein Abdruck im Ton. Was sich sprachlich nicht fassen ließ, nimmt eine Form an, die sich ansehen und verändern lässt. Dieses Buch versammelt 130 Übungen für die eigenständige Arbeit zu Hause, für die Begleitung durch eine Fachperson und für Gruppen. Zu jeder Übung gehören das benötigte Material, eine genaue Anleitung und eine Zeitangabe. Der Weg führt vom Körper zum Gefühl, von den kreativen Blockaden zur Wandlung, bis hin zu einer meditativen Praxis für den Alltag. Wer den Übungen folgt, erkundet die eigene Wahrnehmung, den Umgang mit Farbe und Material und die Bilder, die dabei entstehen. Zeichnerisches Können ist keine Voraussetzung. Die Vorstellung, nicht malen zu können, ist selbst schon ein Material, mit dem sich arbeiten lässt.Sommaire
Kunsttherapie – ein Weg zu sich selbst
Die Grundlagen der kunsttherapeutischen Praxis
Die befreiende Geste
Körperspuren und Selbstwahrnehmung
Von den Farben zum inneren Empfinden
Material und schöpferische Regression
Emotionen durch Kunst erkunden
Die Landkarte der Gefühle
Der Dialog mit dem Unbewussten
Die Wandlung der inneren Schatten
Kreative Blockaden überwinden
Der Weg durch die Widerstände
Befreiung vom inneren Richter
Kunst als Werkzeug der Veränderung
Bildhafte Metaphern und Veränderung
Die eigene Geschichte in Bildern
Archäologie der Erinnerung
Meditative künstlerische Praxis
Achtsamkeit im Strich
Kreative Rituale für jeden Tag
Mandalas und die Kraft des Kreises
Aktive Kontemplation und Gestaltung
Extrait
Es gibt Empfindungen, für die uns die Worte fehlen. Nicht, weil wir zu wenig sprechen, sondern weil sie an einem Ort im Inneren entstanden sind, den die Sprache erst spät erreicht hat. Wer versucht, sie zu benennen, merkt schnell, dass jeder Satz daneben liegt. Die Kunsttherapie setzt genau dort an. Sie ersetzt den Satz durch eine Linie, eine Farbfläche, einen Abdruck im Ton – und was sich sprachlich nicht fassen ließ, nimmt plötzlich eine Form an, die man ansehen kann. Diese Wirkung ist kein Zufall und keine Metapher. Während des Gestaltens arbeiten Hirnregionen zusammen, die sonst getrennt bleiben: Bewegung, Wahrnehmung, Gefühl. Das limbische System, in dem emotionale Reaktionen entstehen, ist an diesem Prozess ebenso beteiligt wie der motorische Kortex, der die Hand führt. Die neurowissenschaftliche Forschung beschreibt dabei Veränderungen in der Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin und Serotonin – Veränderungen, die sich als nachlassende Anspannung und als spürbare Erleichterung bemerkbar machen.1 Woher die Kunsttherapie kommt Die Ursprünge dieser Arbeit liegen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In Großbritannien beobachtete Adrian Hill während einer langen Genesungszeit, wie sehr ihn das Zeichnen stabilisierte, und begann, Patientinnen und Patienten zum Gestalten anzuregen. Sein Ansatz stellt den schöpferischen Vorgang in den Mittelpunkt, nicht die Deutung des fertigen Bildes. In den Vereinigten Staaten ging Margaret Naumburg einen anderen Weg: Sie verband die Gestaltung mit psychoanalytischen Konzepten und arbeitete mit den Symbolen, die in den Bildern auftauchen – gemeinsam mit dem Patienten gedeutet, nie über seinen Kopf hinweg. Im deutschsprachigen Raum hat sich daraus ein eigenständiges Feld entwickelt, das an Kliniken, in der Rehabilitation, in der Psychiatrie und in der Pädagogik verankert ist. Ausbildungen an Hochschulen und Fachakademien, Fachverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Kunsttherapie und ein wachsender Bestand an Wirksamkeitsstudien haben die Praxis aus dem Bereich des Experimentellen herausgeführt. Was die Übungen leisten Jede künstlerische Technik spricht andere psychische Ressourcen an. Die Zeichnung erleichtert den unmittelbaren Ausdruck von Gefühlen. Das Malen löst Spannung, weil die Farbe fließt und sich der Kontrolle entzieht. Das Modellieren führt zurück in den Körper, weil die Hand Widerstand spürt und Kraft dosieren muss. Wer die Reihenfolge der Übungen einhält, folgt einer Bewegung vom Vertrauten zum Ungewohnten: erst Stifte und Kohle, dann flüssige Farbe, schließlich Ton, Sand und Materialien, deren Verhalten sich nicht vollständig steuern lässt. Die Übungen eignen sich für die Arbeit allein zu Hause ebenso wie für die Begleitung durch eine Fachperson oder für Gruppen. Zu jeder gehören das benötigte Material, eine genaue Anleitung und eine Zeitangabe. Diese Zeitangabe ist ein Richtwert, keine Vorgabe – wer länger braucht, arbeitet nicht falsch. Ein Punkt entscheidet über alles Weitere: Es zählt der Vorgang, nicht das Ergebnis. Ein Blatt, das niemandem gefällt, kann die wirksamste Arbeit einer Woche sein. Zeichnerisches Können ist keine Voraussetzung, und die Vorstellung, „nicht malen zu können“, ist selbst schon ein Material, mit dem sich arbeiten lässt. Der Rahmen, in dem gearbeitet wird Damit die Arbeit trägt, braucht sie einen verlässlichen Rahmen. Ein Raum, in dem niemand unangekündigt hereinkommt. Genug Fläche für großformatige Bewegungen. Material, das griffbereit liegt, damit der Ablauf nicht unterbrochen wird. Eine feste Zeit, die den Anfang und das Ende markiert – gerade das Ende ist wichtig, weil es signalisiert, dass die Öffnung nach innen wieder geschlossen wird. GRENZEN DER SELBSTANWENDUNG Nicht jeder psychische Zustand eignet sich für eine eigenständige Arbeit mit diesen Übungen. Bei akuten psychotischen Zuständen, schweren Persönlichkeitsstörungen und kurz zurückliegenden traumatischen Erfahrungen kann das Gestalten Inhalte aktivieren, die ohne fachliche Begleitung nicht aufgefangen werden. In diesen Fällen gehört die Arbeit in die Hände einer Fachperson. Zu beachten ist auch der rechtliche Rahmen. In Deutschland ist die Ausübung der Heilkunde nach dem Heilpraktikergesetz Ärztinnen und Ärzten, approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Heilpraktikern vorbehalten. Die Übungen in diesem Buch dienen der persönlichen Erkundung und ersetzen keine Diagnostik und keine Behandlung. Wer unter anhaltender Belastung leidet, sucht ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat. Zu berücksichtigen sind ebenso körperliche Einschränkungen. Manche Materialien lösen allergische Reaktionen aus, besonders Farben mit Lösungsmitteln und Klebstoffe. Wer empfindlich auf bestimmte Stoffe reagiert, wählt Alternativen: Aquarellfarbe statt Acryl, Ölkreide statt Fixierspray, Ton auf Wasserbasis statt lufthärtender Massen mit Kunstharzanteil. Was sich beim Arbeiten verändert Wiederholung ist der eigentliche Wirkstoff. Ein einzelner Nachmittag mit Kohle und Papier hinterlässt eine Erfahrung; zwanzig solcher Nachmittage hinterlassen eine Gewohnheit. Das Gehirn bildet neue Verbindungen dort, wo Bewegung, Wahrnehmung und Gefühl gemeinsam aktiv sind, und stabilisiert Muster, die häufig durchlaufen werden.


