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Wie man die schizoaffektive Störung bewältigt
Handbuch der angewandten Psychologie
Format broché
12,90 €
Format Kindle
6,99 €
Présentation
Was geschieht, wenn Halluzinationen und Stimmungsschwankungen nicht nacheinander auftreten, sondern ineinandergreifen? Die schizoaffektive Störung gilt als eines der am schwersten fassbaren Krankheitsbilder der Psychiatrie, und sie wird häufiger als jede andere Diagnose im Verlauf einer Behandlung revidiert. Dieses Buch führt durch ein Gebiet, in dem sich zwei Symptomwelten überlagern: das psychotische Erleben und die Störung der Stimmung. Es beschreibt, woran sich die Erkrankung erkennen lässt, wie sie sich von Schizophrenie und bipolarer Störung unterscheidet, welche Rolle frühe Erfahrungen und biologische Faktoren spielen und was im Alltag von Betroffenen und Angehörigen tatsächlich einen Unterschied macht. Der Blick bleibt dabei nicht bei der Theorie. Ein eigener Teil behandelt Übungen zur Selbstbeobachtung, zum Umgang mit Stimmen, zur Regulation von Gefühlen und zur Früherkennung von Rückfällen — mit klaren Hinweisen darauf, wann diese Verfahren geeignet sind und wann nicht. Geschrieben für alle, die verstehen wollen, was hinter einer Diagnose steht, die selten erklärt und oft missverstanden wird.Sommaire
Einleitung
Erkundung der Störung
Definition und grundlegende Merkmale
Geschichte und Wandel der Konzepte
Neurologische und biologische Aspekte
Soziale und familiäre Auswirkungen
Psychoanalytische Ursachenforschung
Psychodynamische Grundlagen
Trauma und frühe Entwicklung
Objektbeziehungen und Identität
Spezifische Abwehrmechanismen
Erkennung und Diagnose
Der diagnostische Prozess
Klinische Formen und Varianten
Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen
Übungen und Strategien
Integrierte Therapieansätze
Techniken der Emotionsregulation
Umgang mit psychotischen Symptomen
Kognitive Umstrukturierung
Soziale Kompetenzen und Kommunikation
Lebensführung und Rückfallprävention
Persönlicher Handlungsplan
Extrait
Die schizoaffektive Störung gehört zu den schwierigsten Diagnosen der Psychiatrie. Sie betrifft etwa 0,3 % der Bevölkerung im Laufe des Lebens und verbindet zwei Symptomwelten, die die klassische Nosologie lange sorgfältig getrennt hatte: psychotisches Erleben auf der einen Seite, ausgeprägte Störungen der Stimmung auf der anderen. Wer damit lebt, erlebt keine zwei Krankheiten nebeneinander, sondern eine einzige Wirklichkeit, in der Halluzinationen, Wahn, manische Beschleunigung und depressive Erstarrung ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken. Genau diese Verschränkung macht die Störung so schwer fassbar. Eine akustische Halluzination während einer schweren depressiven Episode hat einen anderen Inhalt, eine andere emotionale Färbung und eine andere Prognose als dieselbe Halluzination in einer manischen Phase. Die Diagnose lässt sich deshalb nicht durch das Abhaken einer Symptomliste stellen. Sie verlangt eine zeitliche Betrachtung: Was trat wann auf, wie lange bestand es, und in welchem Verhältnis stand es zur Stimmungslage? Was dieses Buch behandelt Der Verlauf der schizoaffektiven Störung ist zyklisch. Akute Episoden dauern im Mittel drei bis sechs Monate; zwischen ihnen liegen Phasen deutlicher Besserung, in denen ein weitgehend normales Leben möglich ist. Unter angemessener Behandlung erreicht ein erheblicher Teil der Betroffenen stabile Remissionen. Ohne Behandlung dagegen ist das Rückfallrisiko über fünf Jahre hoch, und jede unbehandelte Episode verschlechtert die langfristige Prognose. Die folgenden Kennzahlen umreißen das klinische Bild, wie es die derzeitige Studienlage beschreibt. Kennzahl Größenordnung Lebenszeitprävalenz etwa 0,3 % Durchschnittliches Ersterkrankungsalter Anfang zwanzig Remission unter angemessener Behandlung rund zwei Drittel Rückfallrisiko ohne Behandlung über fünf Jahre rund zwei Drittel Stationäre Aufnahme im ersten Jahr etwa 40 % Erwerbslosigkeit deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt Die Entstehung der Störung lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Genetische Faktoren wiegen schwer: Bei Verwandten ersten Grades ist das Erkrankungsrisiko um ein Vielfaches erhöht. Hinzu kommen Umweltfaktoren wie chronischer Stress, Substanzkonsum und frühe traumatische Erfahrungen. Keiner dieser Faktoren erklärt die Störung allein; zusammen bilden sie ein Vulnerabilitätsmodell, das das Auftreten der ersten Episode plausibel macht, ohne es vorherzusagen. Ein Begriff mit bewegter Geschichte Der Begriff selbst ist nicht alt. Jacob Kasanin beschrieb 1933 neun Fälle, die sich weder der Dementia praecox noch dem manisch-depressiven Irresein zuordnen ließen1. Damit war eine Kategorie eröffnet, über deren Status bis heute diskutiert wird. Die 1950er Jahre brachten mit den ersten Neuroleptika und mit Lithium zwei Substanzgruppen, die auf jeweils eine der beiden Symptomdimensionen wirkten — und damit die Kombinationsbehandlung, die bis heute den Standard bildet. Für die Praxis folgt daraus eine Haltung, die dieses Buch durchgehend einnimmt: Symptome werden nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrem zeitlichen Verlauf und in ihrer wechselseitigen Beeinflussung. Wer nur die Psychose behandelt, verliert die affektive Dimension aus dem Blick; wer nur die Stimmung stabilisiert, unterschätzt das psychotische Risiko. RECHTLICHER RAHMEN IN DEUTSCHLAND Die Ausübung der Heilkunde ist in Deutschland durch das Heilpraktikergesetz geregelt. Die Diagnose und Behandlung einer schizoaffektiven Störung ist Ärztinnen und Ärzten, approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Heilpraktikern im gesetzlich festgelegten Rahmen vorbehalten. Die in diesem Buch beschriebenen Verfahren ersetzen weder eine fachärztliche Abklärung noch eine laufende Behandlung. Wer bei sich oder einem Angehörigen die hier beschriebenen Symptome bemerkt, wendet sich an eine psychiatrische Fachpraxis oder an die psychiatrische Institutsambulanz der nächstgelegenen Klinik. In akuten Krisen mit Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar; im Notfall gilt die 112. Für Angehörige gilt eine eigene Bemerkung. Der Verlauf der Störung verläuft in Wellen, und die Umgebung erlebt diese Wellen mit — meist ohne Vorbereitung und ohne Anleitung. Das Wissen darüber, welche Anzeichen einem Rückfall vorausgehen und welche Reaktionen die Lage entschärfen statt zuspitzen, verkürzt akute Episoden nachweislich. Es ist damit kein Beiwerk der Behandlung, sondern ein Teil von ihr. 1. Kasanin, J. (1933). The acute schizoaffective psychoses. American Journal of Psychiatry, 90(1), 97–126.
Kapitel 1 Definition und grundlegende Merkmale Die folgende Fallschilderung ist ein zusammengesetztes Bild, gebildet aus wiederkehrenden Verlaufsmustern der Fachliteratur und nicht von einer identifizierbaren Person abgeleitet. Eine Frau Ende zwanzig, freiberuflich als Grafikerin tätig, hört seit mehreren Jahren Stimmen, die ihre Handlungen kommentieren, ihre Arbeit kritisieren und sie gelegentlich auffordern, ihre Projekte aufzugeben. Diese Stimmen treten nicht gleichmäßig auf. Sie melden sich verstärkt in Wochen, in denen sie kaum schläft, in einem Zug mehrere Aufträge annimmt und das Gefühl hat, ihre Arbeit sei die beste, die sie je geleistet habe. Auf solche Phasen folgen Wochen, in denen sie das Bett kaum verlässt, die Stimmen härter und anklagender werden und jeder Auftrag als Beweis ihres Versagens erscheint. Dieses Muster ist charakteristisch.
Kapitel 1 Definition und grundlegende Merkmale Die folgende Fallschilderung ist ein zusammengesetztes Bild, gebildet aus wiederkehrenden Verlaufsmustern der Fachliteratur und nicht von einer identifizierbaren Person abgeleitet. Eine Frau Ende zwanzig, freiberuflich als Grafikerin tätig, hört seit mehreren Jahren Stimmen, die ihre Handlungen kommentieren, ihre Arbeit kritisieren und sie gelegentlich auffordern, ihre Projekte aufzugeben. Diese Stimmen treten nicht gleichmäßig auf. Sie melden sich verstärkt in Wochen, in denen sie kaum schläft, in einem Zug mehrere Aufträge annimmt und das Gefühl hat, ihre Arbeit sei die beste, die sie je geleistet habe. Auf solche Phasen folgen Wochen, in denen sie das Bett kaum verlässt, die Stimmen härter und anklagender werden und jeder Auftrag als Beweis ihres Versagens erscheint. Dieses Muster ist charakteristisch.
