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Mord auf dem Eiffelturm
Historischer Kriminalroman aus dem Paris von 1889 – ein Verbrechen hinter verschlossener Tür
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Présentation
Wie betritt ein Mann einen Raum, den niemand betreten kann, und stirbt darin hinter einem Riegel, den er selbst vorgeschoben hat? Paris, Winter 1889. Acht Wochen vor der Eröffnung der Weltausstellung findet man in der Privatwohnung an der Spitze des Eiffelturms einen Toten. Die Tür ist von innen verschlossen, die Fenster sind zu, und dreihundert Meter tiefer bewacht man Tag und Nacht die einzige Treppe. Der Mann trägt die Kleidung eines Nieters, doch keiner der zweitausendfünfhundert Arbeiter der Baustelle erkennt ihn, und der Name auf seinem Einstellungsbogen steht in keinem Register der Welt. Émile Ravier, Zeichner im Konstruktionsbüro, misstraut Theorien wie einer ungeprüften Rechnung und notiert nur, was sich nachmessen lässt. Während der Kommissar den Fall an einem Vormittag schließen will und die Konzession jeden Skandal fürchtet, beginnt Ravier zu zählen: Stufen, Nieten, Stunden, Unterschriften. Was er findet, geht nicht auf – und je genauer er rechnet, desto enger wird der Kreis derer, die in jener Nacht hinaufsteigen konnten. Ein historischer Kriminalroman um ein unmögliches Verbrechen, ein Bauwerk, das die Welt bewundert, und den Preis, den es von denen fordert, die es errichten.Extrait
An jenem Morgen, um zehn nach sieben, herrschten minus elf Grad auf der obersten Plattform, und das Eisen des Turms war so kalt, dass es an der Haut der Hände klebte wie eine umgekehrte Verbrennung. Émile Ravier stieg seit zwanzig Minuten. Er zählte die Stufen aus Gewohnheit, so wie er alles zählte, und er war bei eintausendsechshundertvierundsechzig angelangt, als Delarues Stimme von oben zu ihm herabdrang, von der Konstruktion zurückgeworfen, vom Wind zerrissen. Eine Stimme, die nicht rief. Eine Stimme, die anordnete. Er trat außer Atem auf die schmale Galerie der dritten Etage. Der Dunst seines Atems hing ihm im Backenbart, seine Brille beschlug für einen Augenblick, und er wischte sie mit dem Daumen frei. Zwei Männer standen vor der Tür der Wohnung. Der eine war Firmin Delarue, der Bauleiter, massig in seinem Wettermantel, den Kragen hochgeschlagen, ein Mann, den man für gebaut hielt, um Träger zu schleppen, und dem Worte sichtlich mehr abverlangten als Anstrengung. Der andere war Grégoire Panet, der Maschinist des Materialaufzugs, ein kleiner, dürrer Mensch, der sich ohne Unterlass die Hände rieb, und Émile wusste in diesem Moment nicht, ob die Geste von der Kälte kam oder von etwas anderem. „Die Tür ist verschlossen“, sagte Delarue. „Von innen.“ Er sagte es, wie man einen Baumangel feststellt. In seinem Mund hatte eine von innen verschlossene Tür an der Spitze des Turms, in der Wohnung, die Monsieur Eiffel sich unter der Laterne vorbehalten hatte, weniger vom Rätsel als von der Ungehörigkeit. Man verschließt nicht von innen die Tür eines Mannes, der nicht da ist. „Und Monsieur Eiffel?“, fragte Émile. „In Levallois. Seit vorgestern.“ Émile legte die Hand auf die Klinke. Sie drehte sich ins Leere, gehalten vom Riegel. Er presste das Auge an den Spalt. Er sah nichts als ein bläuliches Halbdunkel, das Winterlicht durch vereiste Scheiben gefiltert, und dicht über dem Boden eine dunkle Masse, die sich nicht bewegte. „Da ist jemand“, sagte er. „Ich weiß, dass da jemand ist“, erwiderte Delarue. „Das ist ja gerade das Problem.“ Sie brauchten drei Mann, um die Tür aufzubrechen. Das Blatt war aus gutem Eichenholz, das Schloss ehrlich gearbeitet, und Delarue musste zweimal die Schulter dagegenwerfen, ehe die Zarge mit einem Krachen nachgab, das in dieser Höhe obszön wirkte. Der Riegel hielt bis zuletzt. Er sprang nicht auf, er riss das Holz heraus. Émile notierte es, weil er alles notierte: Der Riegel war ordnungsgemäß vorgeschoben, die Falle saß fest im Schließblech, und es war das Schließblech, das nachgab, nicht der Riegel. Die Tür war von jemandem verschlossen worden, der sich im Raum befand. Die Wohnung empfing sie mit ihrem Geruch nach Neuem: frische Farbe, Lack auf dem Parkett, feines Sägemehl, das man noch nicht zu Ende gekehrt hatte, und darunter, kaum wahrnehmbar, ein Geruch nach erloschenem Talg. Drinnen war es beinahe mild, geschützt vor dem Wind, die trügerische Milde eines geschlossenen Raums. Die Wandvertäfelung war erst zur Hälfte angebracht. An der Wand ein Sessel unter einem Schonbezug. Ein Arbeitstisch, ein Beistelltisch, Kisten, noch vernagelt. In der Ecke schnurrte leise ein Messinginstrument auf einem Dreifuß, eine Nadel kratzte endlos über eine Walze — eines jener Geräte, mit denen Monsieur Eiffel die Spitze bestückte, um den Wind zu befragen, und das, gleichgültig gegenüber den Angelegenheiten der Menschen, weitermaß. Und auf dem neuen Parkett, vor dem kalten Kamin, lag ein Mann auf der Seite, ein Bein angezogen, einen Arm unter sich, wie ein Schläfer, der aus dem Bett gefallen ist. Émile kniete nieder. Er rührte nichts an. Er sah hin. Der Mann war um die vierzig, hatte breite, schwielige Hände mit gezeichneten Knöcheln — Hände eines Nieters, die den Hammer kannten und den Döpper. Er trug die Joppe und die Hose aus grobem Tuch der Monteure, doch unter der Joppe einen sauberen Kragen, beinahe sorgfältig gelegt. Seine Schläfe hatte gegen das Parkett wenig geblutet, eine braune Lache, bereits geronnen, nicht breiter als eine Untertasse. Seine Augen standen offen und starrten die Fußleiste an, mit einer Aufmerksamkeit, die der Tod nicht mehr hatte auflösen können. „Kennen Sie ihn?“, fragte Émile. Delarue betrachtete den Toten lange. Grégoire, hinter ihnen, rieb sich noch immer die Hände. „Nein“, sagte der Bauleiter. „Und das ist das zweite Problem.“ Zweitausendfünfhundert Männer waren in drei Jahren über diese Baustelle gegangen. Delarue kannte sie, wie ein Hirte sein Vieh kennt, am Gang, am Akzent, an der Art, einen Niet in der Zange zu halten. Dass er diesen hier nicht erkannte, tot in der Wohnung von Monsieur Eiffel, gehörte ebenso ins Unmögliche wie die Tür. Émile tat, was er konnte.